Themenjahr 2013

spiel und ernst – ernst und spiel. kindheit in brandenburg

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2013 untersuchte Kulturland Brandenburg im Themenjahr „spiel und ernst – ernst und spiel. kindheit in brandenburg“ Kindheit im Wandel der Zeit. Es hat gezeigt, wie sich die Rahmenbedingungen für Kindheit und Jugend in Brandenburg und der Blick auf die Zeit des Heranwachsens über die Jahrhunderte gewandelt haben.

 

Dabei wurde sowohl in der Perspektive historischen Wandels, als auch in der Perspektive aktueller und zukünftiger Entwicklungen die individuelle und die gesellschaftliche Bedeutung der Lebensphase Kindheit beleuchtet und reflektiert. Brandenburgische Bildungsorte und Erziehungskonzepte, Spielzeug und Lernmittel als Kulturgeschichte wurden ebenso thematisiert wie Träume, Wünsche, Ängste und Bedrängnisse von Kindern. Die Angebote richteten sich generationsübergreifend an Erwachsene, Jugendliche und Kinder, wobei der kulturellen Bildung und der breiten Beteiligung regionaler Projektpartner eine besondere Bedeutung zukam.

Kindheit im historischen Wandel

Das Leben der Kinder und die Vorstellungen von Kindheit unterliegen einem anhaltenden Wandel. Kindheit wird heute als gesellschaftliches Konstrukt im Kontext jeweiliger Rahmenbedingungen gesehen, in denen das Generationenverhältnis von Kind und Erwachsenen auf unterschiedliche Weise geregelt wird. So nahm das Themenjahr Kulturland Brandenburg 2013 einen großen Spannungsbogen des Wandels in den Blick: von der Kindheit als Unterwerfung und Gehorsamspflicht, und einer zwar fürsorglichen, aber disziplinierenden Pädagogik in der Vormoderne, über das Verständnis von Kindheit als Erziehungskindheit mit dem Kind im Zentrum in der Pädagogik der Aufklärung und den Kindheitskonzepten der Reformpädagogik bis hin zu jüngsten Konzepten, die Kinder als sozial kompetente Akteure verstehen und die Frage aufwerfen, wie Erziehung als Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern gestaltet werden kann.

Kindheit im Mittelalter

Bis zum Ende des Mittelalters gab es keinen Begriff von Kindheit als eigenständiger Lebensphase. Kinder und Erwachsene lebten in denselben Lebensbereichen, die weder räumlich noch sozial voneinander getrennt waren. Das einzelne Kind spielte im Familienverbund keine Rolle. Es wurde in seiner Subjektivität nicht wahrgenommen. So wurde angesichts der hohen Kindersterblichkeit auch dem Tod eines Kindes keine größere Bedeutung beigemessen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Kinder bewusst vernachlässigt wurden. Sie waren Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens, wurden aber nicht in ihren besonderen Bedürfnissen wahrgenommen, sondern als „kleine Erwachsene“ behandelt. Die Projekte in Dissen und Lübben beschäftigten sich mit diesen Themen unter jeweils spezifischen Gesichtspunkten. Die Ausstellung im Stadt- und Regionalmuseum Lübben befasste sich etwa mit einem Thema, das oftmals viele Fragen aufwirft und über das dennoch wenig gesprochen wird: dem Tod von Kindern.

Kindheit in der Aufklärung

Kindheit im Verständnis der Aufklärungspädagogik wird als Erziehungskindheit gesehen. Damit steht erstmals das Kind im Zentrum. Erziehungskindheit bringt frühe Formen eines familialen und institutionellen Neuansatzes von Erziehung hervor, die in der Idee der Selbstverwirklichung und Mündigkeit aufgehen. Dabei spielen Bildungsstätten, wie Klöster, Internate und Schulen eine große Rolle. Zahlreiche Institutionen – wie in Caputh, Heiligengrabe, Finsterwalde, Templin oder die ehemalige Bischofsresidenz Burg Ziesar – gingen im Themenjahr auf Spurensuche zur dieser eigenen Geschichte.

Kindheit und Spielzeug

Ein besonderer Bereich in der Auffassung von Kindheit als eigenständiger Entwicklungsphase sind Kinderspiele und -spielzeug. Deren Entwicklung und Bedeutungswandel unter historischen, sozialen sowie regionalen Gesichtspunkten zeigten die Ausstellungen in Altranft und in Kleßen. Das Thema „Kinderspielzeug“ wurde auch an vielen anderen Orten und von weiteren kulturellen Akteuren, die nicht von Kulturland Brandenburg gefördert wurden, aufgenommen und in seiner regionalen Vielfalt bearbeitet. So zeigt etwa das Stadtmuseum Schwedt (Oder) vom 29. September 2013 bis 27. April 2014 die Sonderausstellung „Spielzeuggeschichten made in GDR“. Im Luckauer Niederlausitz-Museum wurde eine große Sammlung an Spielzeug aus verschiedenen Jahrzehnten unter dem Titel „Kinderträume“ präsentiert.

Kindheit und Kino

Kinogalerie im Fontaneklub Brandenburg/Havel, 1. Februar 2014 Foto: Jeanette ToussaintKinovorführungen sorgten seit Beginn des 20. Jahrhunderts für Diskussionen. Zu eng, zu stickig die Säle, zu erotisch die Filminhalte für Kinder, die mit ihren Eltern auch zu den Nachtvorstellungen kamen. Die Diskussionen um den Jugendschutz wurden teils heftig geführt, erste Gesetze und die Filmzensur eingeführt, Jugendvorstellungen organisiert. Heute kennt jeder die freiwillige Selbstkontrolle (FSK). Befürworter nutzten die neuen Möglichkeiten des Kinofilms: Bildung, staatsbürgerliche Erziehung und Propaganda für eigene Ziele. In der DDR entstanden Jugendfilmclubs und Jugendfilmtheater. Bevor sich das Fernsehen etablierte, war das Kino zudem für viele ein wichtiger Ort der Freizeitgestaltung. Diesen Entwicklungen folgt die Ausstellung „Vorhang auf – Film ab. Kino und Kindheit im 20. Jahrhundert“ und setzt dabei den geografischen Schwerpunkt auf das Land Brandenburg, wo sie auch in den Jahren 2014 und 2015 an verschiedenen Orten gezeigt wird. Alle Informationen zu den Stationen und zur Ausstellung unter www.antimilitaristischer-foerderverein.de/aktuelles

Kindheit und Literatur

Die Erkenntnis von der Eigenständigkeit der Kindheit schuf auch die Grundlage für die Herausbildung einer Literatur, die sich auf kindliche Lebenswelten konzentriert. Zu diesem Kontext wurden im 2. Halbjahr u.a. die Kinderbuchsammlung von Bettina Hürlimann im Schloss Caputh vorgestellt und im Projekt „Davongelaufene Kindheit“ eine Verbindung zwischen zeitgenössischen brandenburgischen Kinderbuchautoren und den „Schreibenden Schülern“ hergestellt. Drei Autor/innen traten mit verschiedenen Schülerzirkeln in Verbindung, um sich über ihre Kindheits- und Jugendphasen auszutauschen, einander bereits entstandene Werke vorzustellen und sich gegenseitig zum Schreiben neuer Texte anzuregen. Aus der gemeinsamen Arbeit ist eine Anthologie hervorgegangen, die ein Spektrum an Texten über Kindheiten und Jugend von Verfasser/innen von etwa zehn bis 70 Jahren versammelt.

Kindheit/Jugend in Stadt und Land

Auch bei dem Verbundprojekt der Arbeitsgemeinschaft „Städte mit historischen Stadtkernen“ des Landes Brandenburg waren Jugendliche aktiv beteiligt: 2013 hat sie das Jahresthema „Alte Stadt – Jugendfrei?!“ gewählt, mit dem sie den Schwerpunkt auf die Förderung von Aktivitäten der unter 18-Jährigen im städtischen, historischen Raum gelegt hat. Gezielt wurden junge Menschen dazu ermutigt, sich den Stadtraum mit seiner/n Geschichte/n und seinen Objekten auf individuelle Art und Weise zu erschließen und anzueignen. Eine Auseinandersetzung mit der Altersgruppe der unter 18-Jährigen ist vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der weiteren künftigen Entwicklungen in den historischen Stadtkernen unverzichtbar. Stadtsafari Babelsberg - Foto: Sabine Thürigen
Einen ähnlichen Ansatz verfolgte das Projekt „Die Stadtentdecker“ der Brandenburgischen Architektenkammer in Kooperation mit dem „Städtekranz Berlin-Brandenburg“. Kinder und Jugendliche wurden zu einer bewussten Auseinandersetzung mit ihrer unmittelbaren Umgebung motiviert und befähigt, sich kritisch und konstruktiv mit ihrem Umfeld auseinanderzusetzen. Durch die Präsentation und Diskussion der Arbeitsergebnisse vor und mit einer breiten städtischen Öffentlichkeit wurden zudem Partizipationserfahrungen ermöglicht.

Kindheit in der Fotografie

Einen alltags- und explizit regionalbezogenen Zugang bot die zentrale Ausstellung des Brandenburgischen Literaturbüros „Kindheitsbilder. Alltagsfotografie in Brandenburg seit 1848“. 2011 hatte das Brandenburgische Literaturbüro begonnen, Fotos mit Kindheitsmotiven aus privaten Haushalten zusammenzutragen. Einige hundert Brandenburger beteiligten sich an dem Vorhaben. Mehr als zehntausend Fotografien kamen dabei zusammen. Eine Auswahl von dreihundert Aufnahmen ist nun in der Ausstellung im HBPG zu sehen. Die älteste ist eine Daguerreotypie aus dem Jahr 1848 mit dem Familienbildnis des Apothekers Wittrin aus Prenzlau mit seiner Frau und den acht Kindern. Sie gehört zu den wenigen Bildern, die sich aus den frühen Jahren der Fotografie aus der Mark Brandenburg erhalten haben. Über einen Zeitraum von anderthalb Jahrhunderten sind es dieselben Sujets, die auf den Fotos festgehalten wurden: Kinder beim Spielen, beim Posieren mit Freunden, Geschwistern und Eltern, Kinder in Uniform, Kinder am Wasser und Kinder in der Schule. Die Bilder illustrieren den Wandel kindlicher Lebenswelten in unterschiedlichen Zeiten, Milieus und Orten des Landes sowie die Veränderungen im Blick der Gesellschaft auf Kinder und Kindheit.

Kindheit und Kinderrechte

Kinderrechte spielten in dem aufgezeigten Themenspektrum eine zentrale Rolle. Das Rochow-Museum in Reckahn befasste sich mit diesem Aspekt umfassend ab dem 25. Mai 2013 in der Ausstellung „Die Sehnsucht nach Anerkennung. Kinderrechte in Geschichte und Gegenwart“. Facettenreich wurde das Thema und beleuchtet: es wurden Einblicke in die jahrhundertelange Vorgeschichte der Kinderrechte, in die Beschlüsse zu den Kinderrechten im 20. Jahrhundert und in die Biografien der Personen, die sich für die Kinderrechtskonvention eingesetzt haben, ermöglicht. Die Ausstellung thematisiert wichtige Aspekte des Kinderlebens wie Spiel, Kinderkulturen, Bildung, Gewalt, Kinderarbeit, Partizipation und Inklusion. Eine internationale Tagung Anfang Oktober hat dabei auch überregionale Perspektiven beleuchtet. Die Ausstellung und das umfangreiche Begleitprogramm konnten rund 2.000 Besucher verzeichnen.

Kindheit in Beziehung der Generationen

Neben Projekten, die eher die historischen, politischen und gesellschaftlichen Dimensionen reflektieren, wurden verschiedene Projekte aktiv von Kindern und Jugendlichen als Akteure umgesetzt, – sei es die Auseinandersetzung mit und die mediale Aufbereitung der eigenen Kindheit und Jugend auf dem Lande, die Befragung älterer Menschen zu der mittlerweile vergangenen Kindheit, die kritische Auseinandersetzung mit Teilhabe und demokratischer Beteiligung, mit Baukultur und Stadtentwicklung aus der eigenen, jungen Perspektive, literarische Zugänge zum Thema oder Beiträge mit Mitteln der darstellenden oder der bildenden Kunst.

Wie jedes Jahr bot Kulturland Brandenburg den Bewohnern und Gästen des Lan­des ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm, in dem alle künstlerischen Sparten einbezogen waren: Ausstellungen, Theater-, Literatur- und Filmvorführungen, Performances, Kon­zerte sowie Projekte im Stadtraum u.v.m.