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Prof. Dr. Hermann Glaser
Rede zur Eröffnung des Kulturland-Brandenburg-Themenjahres 2004 »Landschaft und Gärten«
am 8. Mai 2004 in Großräschen
Die Sehnsucht nach dem irdischen Paradies
Garten- und Landschaftsbilder im Wandel
Landschaft" beschreibt der hochtalentierte, von der Pop-art und dem amerikanischen Underground geprägte Dichter Rolf Dieter Brinkmann 1975 mit 35 Jahren einem Unfall zum Opfer gefallen in einem seiner Gedichte, die von versteinertem Leben, stinkendem Himmel und Zivilisationsmüll handeln, als Agglomeration von "1 verrußter Baum, / nicht mehr zu bestimmen / 1 Autowrack, Glasscherben / 1 künstliche Wand, schallschluckend / verschiedene kaputte Schuhe / im blätterlosen Gestrüpp /
mehrere flüchtende Tiere, / der Rest einer Strumpfhose an / einem Ast daneben / 1 rostiges Fahrradgestell
"
In seinem Text "Der kurze Brief zum langen Abschied" schildert Peter Handke eine Großstadt-Randzone (hier New York) eine Landschaft, in der meist in besonderem Maße die Abstumpfung menschlicher Umweltsensibilität zutage tritt: "Müllhaufen statt der Häuser, gelber Qualm am Horizont, ohne Schlote, ein Auto ohne Reifen, das mit den Rädern nach oben im Brachland lag, kreuz und quer verwachsene Wälder, wo die im Windbruch entwurzelten Bäume verwelkt in den grünen Bäumen hingen, dazwischen Fetzen wie Fallschirmseide, ins Land verirrte Möwen auf Sandhügel."
Zwei dichterische Beispiele (Verdichtungen) für das, was Modernisierung und Industrialisierung, aber auch einseitige Landwirtschaft (man denke etwa an die durch Monostrukturen bewirkten Erosionen in den USA) und der Verlust an ästhetischer Wahrnehmung der Kulturlandschaft angetan haben: Verlust von Lebensraum. Sit venia verbo "man möge mir die Ausdrucksweise nachsehen": Denn "Lebensraum" ist ideologisch, zum Beispiel durch den Nationalsozialismus, heute durch den fundamentalistischen Ethnozentrismus, missbraucht worden. Wort und Begriff können jedoch durch Gedankenstrich rehabilitiert werden: Lebens-Raum. Raum zum Leben und nicht Raum, aus dem man andere, die nicht zur eigenen Kultur gehören, zu verdrängen trachtet. Lebens-Raum auch und gerade als kulturell wie interkulturell geprägtes Territorium für Seinsgewissheit, welcher der Physis wie Psyche des Menschen entspricht, diesen in seiner Ganzheit anspricht. Territorium für Seinsgewissheit: Das meint Heimat "Ort", in dem ich Wurzeln schlage, "bei mir selbst" bin (nicht entfremdet); "Ort", mit dem ich mich identifizieren kann. Hier bin ich Mensch, hier kann ich sein.
So war um ein historisches Beispiel heranzuziehen die Parklandschaft von Wörlitz, initiiert von Fürst Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau, der zum Missfallen von Friedrich II. aus der preußischen Armee austrat und lebenslang Pa-zifist blieb, gedacht und gepflanzt als Sinnbild des menschlichen Kosmos, beein-flusst von den ästhetischen Prinzipien des englischen Parks und den Idealen der Aufklärung verpflichtet. Romantische und wirtschaftliche Ziele, religiöse Gefühle und menschenfreundliche Absichten waren miteinander verwoben. Es sei, wenn man durch den Park ziehe, schrieb Goethe 1778 an Charlotte von Stein, "wie ein Mährgen, das einem vorgetragen wird und hat ganz den Charakter der Elisischen Felder".
Wörlitz wurde auf dem europäischen Festland zum Inbegriff des Aufbruchs in eine neue Zeit. Hier im Park vollzog sich zuerst der Bruch mit alten tradierten Wertvorstellungen, formulierte sich die neue Ordo der Vernunft. Ein neuer Gartenstil entstand: Geschwungene Wege statt barocker Achsen, frei wachsende, malerisch gruppierte Bäume und Sträucher anstatt geschnittener Hecken, Landhäuser statt prunkvoller Schlossanlagen dokumentieren ein neues Naturgefühl, die "Vision einer zu sich selbst befreiten Natur" (A. v. Buttlar).
Dieser neue englische Gartenstil ist mehr als ein Gegenbild zur barock-absolutistischen Schlossanlage. Über seine Grenzen hinaus wird die Landschaft zum Ort einer Neubestimmung von Natur, Arbeit und Ästhetik. In die vorgefundene Landschaft werden Parkanlagen und Gebäude, Alleen und Sichtachsen eingefügt, durch landeskultivatorische und landwirtschaftliche Maßnahmen erfährt sie eine effektivere Nutzung, findet das ganzheitlich angelegte, alle Lebensbereiche integrierende Reformprojekt seine räumliche Entsprechung. Wörlitz als aktueller Topos, als Realität wie Gleichnis, zielt auf ein Landschaftsmodell, bei dem auf artifizielle Weise Natürlichkeit rekonstituiert, der Natur zurückerstattet wird, was ihr in Missachtung ökologischer Gesichtspunkte genommen wurde.
Ohne hier auf Projekte wie die Internationale Bauausstellung "Emscher Park", das Meliorationsvorhaben im Bitterfelder Raum oder die Internationale Bauausstellung "Fürst-Pückler-Land" ausführlicher eingehen zu können was sie mit anderen weltweiten ähnlichen Vorhaben verbindet, hat Rolf Kuhn angesichts gigantischer Landschaftszerstörung auf die zeitgemäße heuristische Formel gebracht: "Industrielles Gartenreich". In Anbetracht reduzierter menschlicher Arbeitsmöglichkeiten aufgrund der durch die Chip-Revolution veränderten, den Taylorismus (Drill und Dressur) ablösenden Produktionsweisen sowie angesichts der rapiden Abnahme natürlicher Ressourcen geht es um die Entwicklung neuer sinnvoller Tätigkeiten und um die Regeneration bzw. Verbesserung der Gesamtlandschaft, geht es darum, den Spielraum für humane Sozialisation zurückzugewinnen. Ziel ist eine durch das Gleichgewichtsprinzip bestimmte Kulturlandschaft, ohne Regression auf vorindustrielle Zustände. Zukunft braucht Herkunft: Wörlitz, transformiert ins Modell des "industriellen Gartenreichs", erweist sich als Modellvorstellung für den Aufbruch in eine Gesellschaft und eine Landschaftskultur, "die sich auf einer radikalen Reform gegenwärtiger Entwicklung und dem Verarbeiten der sichtbaren Tradition von 'Aufklärung' und 'industrieller Moderne' gründet" (Harald Kegler).
Kulturlandschaft als Lebens-Raum lebt von der Quantität, Qualität und Kontinuität der Kleinereignisse. Wird die Flur rigoros auf agrarwirtschaftliche Profitmaximierung ausgerichtet schnurgerade asphaltierte Wege, Entfernung der Drainagen (Hecken und Bäume) zwischen den Feldern, Dorfbächen im Betonkorsett , wird regionaler Raum nur als "Depot" für industrielle Flächennutzung missbraucht, geht genau das verloren, was Ökologie im weitesten Wortsinne meint: nämlich eine Gleichgewichtsform von natürlichen und zivilisatorischen Bedürfnissen, die nicht gegeneinander stehen dürfen, sondern sich ergänzen, eine Binnendifferenzierung mit vielen Nischen. In "ökologischen Nischen" gedeihen natürliche Symbiosen; "Nische" im gesellschaftlichen Bezug (bei der Stadtentwicklungsplanung "Parzelle") ist Kommunikationsraum, Öffentlichkeit und Privatheit verbindend.
Landschaft als kultureller Lebens-Raum (Terre des Hommes) ist Inbild und Abbild idealischer bzw. utopischer Landschaftskonstruktionen, wie sie über Jahrhunderte hinweg den Prozess der Enkulturation begleiten bzw. immer wieder voranbringen. In seinem Gedicht "Der Spaziergang" ist Friedrich Schiller gedankenlyrisch den Stadien solcher Wandlungen und Verwandlungen nachgegangen: Natur als Chaos gerät in der Kulturlandschaft zum Kosmos: "Kräftig auf blühender Au erglänzen die wechselnden Farben, / aber der reizende Streit löst in Anmut sich auf. / Frei empfängt mich die Wiese mit weithin verbreitetem Teppich, / durch ihr freundliches Grün schlängt sich der ländliche Pfad
" Überall der Vorschein einer Konzeption, die natürliches Wachstum mit menschlicher Ordnung zu verbinden vermag: "
in freieren Schlangen durchkreuzt die geregelten Felder, / jetzt verschlungen vom Wald, jetzt an den Bergen hinauf / klimmend, ein schimmernder Streif, die Länder verknüpfende Straße; / auf dem ebenen Strom gleiten die Flöße dahin
/ Muntre Dörfer bekränzen den Strom, in Gebüschen verschwinden / andre, vom Rücken des Bergs stürzen sie jäh dort herab. / Nachbarlich wohnet der Mensch noch mit dem Acker zusammen."
Was hier in sprachlicher Landschaftsmalerei aufscheint, vorscheint, ist das "irdische Paradies", das freilich der aus den Anfängen der Menschheitsgeschichte stammende Mythos im Irrealen (als Vision, Utopie) lokalisiert. "Paradies" ist der wundersame Ort, der kein Unglück kennt; das Wort hat eine altpersische Wurzel, die Umzäunung, Ummauerung , Umwallung meint nämlich "pairidae'-za"; im Babylonischen wird es zu "pardisu" und im Hebräischen zu "pardes". Bei "Garten" ist die Herkunft ähnlich: aus dem indo-europäischen Wortstamm "ghordos", der "Flechtwerk, Zaun, Hürde" bedeutet, sind sowohl das griechische "chortos" als auch das lateinische "hortus"' abgeleitet. Als die Menschen vor rund 10.000 Jahren vom Nomadendasein zur Sesshaftigkeit übergingen, entstand wohl noch vor dem in die Weite des Landes sich erstreckenden Äckern der Garten als der Wildnis entrungener Bereich. Der Mann musste als Jäger und Sammler hinaus ins feindliche Leben drinnen, hinterm Zaun, die Frau, die zur Hüterin des Hauses und Herdes wird, um sich die Kinder, Haustiere, Hauspflanzen.
Die Griechen haben den Mythos vom Paradies insofern vom Kopf auf die Füße gestellt, als sie zwar einerseits die utopische Ferne göttlicher Gärten betonten der Garten der Hesperiden mit seinen Bäumen voller goldener Äpfel etwa lag im weiten Westen beim Abendstern (Hesperos) , aber andererseits diese so realistisch beschrieben, dass man darin sogar eine Gebrauchsanweisung für erfolgreiche Gartengestaltung begreifen kann. Was zum Beispiel Homer in der "Odyssee" über den königlichen Garten im Land der glücklichen Phaiaken berichtet, ist in unserem Zeitalter schier unbegrenzter, auch biologischer Machbarkeit das Produktspektrum in jedem Obst- und Gemüseladen Erfolg jahreszeitlich unabhängiger Gewächshauszüchtungen und allerdings auch chemischer bzw. genetischer Beeinflussung.
"Große Bäume stehen darin in üppigem Wachstum,
Apfelbäume mit glänzenden Früchten, Granaten und Birnen
Und auch süße Feigen und frische, grüne Oliven.
Denen verdirbt nie Frucht, noch fehlt sie winters und sommers
Während des ganzen Jahres, sondern der stetige Westhauch
Treibt die einen hervor und läßt die anderen reifen.
Birne auf Birne reift da heran und Apfel auf Apfel,
Aber auch Traube auf Traube und ebenso Feige auf Feige.
Dort ist ihm gepflanzt ein üppiges Rebengelände;
Hier auf ebenem Platz zum Trocknen werden die Trauben
In der Sonne gedörrt; dort ist man gerade beim Ernten;
Dort beim Treten der Trauben; doch vorne sind sie noch unreif,
Stoßen die Blüten ab, und andere färben sich eben.
Dort sind auch Gemüsebeete am Rande des Weinbergs
Mannigfach in Reihen gepflanzt, das ganze Jahr prangend."
Paradies ist jedoch mehr als biologische Üppigkeit, Nachhaltigkeit, "Jederzeitigkeit". Wer sich nach Arkadien sehnt um einen anderen Topos für idealische Landschaft ins Spiel zu bringen (Vergil schuf diese poetische Landschaft, die "im Dunst der Ferne verschwimmt", als pädagogisch gedachtes Vorbild für die großstädtisch degenerierten Römer, die sich im Land der Hirten mit der Milch der frommen Denkungsart regenerieren sollten) ; wer sich nach Arkadien oder später nach Tahiti und die Südsee sowie anderer ferner Gefilde sehnt, sucht vor allem Heilung von seiner existentiellen Zerrissenheit. Die Gartenlandschaften, die ein irdisches Paradies vorstellen, imaginieren, suggerieren (neben den Gärten der Hesperiden und Arkadien zum Beispiel Elysium, Orplid, Eldorado, Atlantis, Cythera) erweisen sich als Refugien, auf die unerfüllte Sehnsüchte der Menschen projiziert werden; sie sind somit Gegenbilder zur Wirklichkeit, zu deren misslichen Verhältnisse, Zwänge und Unzulänglichkeiten. Solche Abkehr von der hässlichen Welt und die Zuwendung zum Idyll charakterisieren auch noch den vom Gartenzwerg bewachten Schrebergarten mit Gartenlaube oder Gartenhaus oder Datsche ("Good by Lenin!"). "Übermüthig sieht's nicht aus / Dieses stille Gartenhaus / Allen die darin verkehrt / Ward ein guter Muth bescheert," meinte Johann Wolfgang Goethe zu seinem bescheidenen Dorado an der Ilm in Weimar (zunächst freilich sein Wohnhaus). Psychotopographisch tiefer schürfte Moses Mendelssohn, wenn er in einem Brief an Gotthold Ephraim Lessing schrieb: "Kommen Sie zu uns, wir wollen in unserm einsamen Gartenhause vergessen, daß die Leidenschaften der Menschen den Erdball verwüsten."
Wer freilich bei der Bestellung seines Gärtchens das Bewusstsein vom "panischen Idyll" eskamotiert wenn der Gott Pan, vor allem zur Mittagsstunde, schläft, erfährt man die Welt, aber eben nur in Augen-Blicken, ohne Panik , der gerät in Gefahr, als spießiger Schrebergärtner zu verkümmern.
Auf einem seiner Bilder zeigt A. Paul Weber den "Letzten Privatier": Inmitten eines gemütvoll angelegten Gärtchens steht ein mit Spalierobst umrahmtes Haus, mit Blumenkästen vor den Fenstern, Läden, die vor der Mittagssonne geschlossen sind. Fröhlicher Rauch steigt aus dem Kamin, den ein Taubenschwarm umflattert. Der Besitzer steht vor der Tür, er füttert die Hühner. Im Hintergrund lehnt eine Leiter am Apfelbaum, die Ernte ist im Gange. Eine Laube für den Mittagsschlaf ist auch vorhanden; Beete und Rabatten, Rosensträucher und Bäume, blühende Büsche, Wirsing und Kohl, Rettich und Bohnen (für den Speck); rechts am Haus die Bienenkörbe und unter der Dachrinne das Fass für die Traufe. Ein bescheidenes, stilles Glück, ein einfaches, seliges Furchendasein für den, der drinnen leben und wohnen kann und der die Mauer nicht überschaut, die ihn von der Außenwelt abschließt. Draußen geht die Welt unter: Brücken zerbersten, Flugzeuge stürzen ab; Panzer rollen heran, dunkle Wolken erheben sich über ausgebrannten Städten, schreckliche Ungeheuer durchwühlen und durchfurchen die Erde, die sich in Erdbeben spaltet. - Solches Idyll ist auf Sand gebaut. Die Zeit wird es hinwegspülen. Krähwinkel kann Weltuntergänge nicht aufhalten.
Man kann dem christlichen Mythos zugute halten, dass er zugunsten des göttlichen Gartens Eden vor der Illusion des "irdischen Paradieses" deutlich genug gewarnt hat. Denn auf Erden, dorthin vertrieben aufgrund der Erbsünde, muss der Mensch im Schweiße seines Angesichts sein Brot essen; Dornen und Disteln wird der Acker, der verfluchte, tragen; "mit Kummer solltst du dich darauf nähren dein Leben lang".
Solche Drohung der Genesis ist aber letztlich, vom Standpunkt eines emanzipativen Kulturverständnisses aus, der Beginn eines gefährlichen menschenfeindlichen Irrweges: Über die Jahrhunderte hinweg hat das patriarchalische, autoritative, vom Manne bestimmte kirchliche Weltbild die Frau denunziert und unterdrückt. Doch ist Eva, die es wagt, vom Baum der Erkenntnis die Frucht zu pflücken und damit auch den tumben Adam, der inmitten lustiger Bäume (sozusagen im Schlaraffenland) dahinvegetiert, zum Denken bringt, nicht Missetäterin, sondern Urheberin des Prozesses der Enkulturation. Der Versuch, wie Gott wissen zu wollen, was gut und was böse ist, macht den Menschen erst zum Menschen, zum Subjekt, gibt ihm die Entscheidungsfreiheit, die sein Menschsein ausmacht. Das schließt nicht aus, dass solches experimentum medietatis (der Versuch, sich selbst an die Stelle Gottes in den Mittelpunkt der Welt zu rücken) auch große Gefahren birgt: Wie weit etwa darf der Mensch in die Ordnung Gottes oder, für den Nichtgläubigen, in die der Natur eingreifen? Mit Eva tritt der Mensch zudem aus dem Stadium des bewusstlosen Glücks in den Zustand des unglücklichen Bewusstseins über ist doch die Suche nach Wahrheit stets mit (später "faustisch" genannter) Unruhe bzw. Unrast und mit Zweifeln verbunden. Kultur schafft nicht Lösungen, sondern versieht Lösungen mit Fragen, macht Menschenwerk fragwürdig. Kultur ist nicht ein beschwichtigendes Eiapopeia (H. Heine), nicht auf unsere Zeit bezogen anästhetisierende Waren-Ästhetik, keine Spaßkultur. (Auch wenn Aufklärung Lust bereiten soll.)
Für den Aufklärer (nachfolgend Immanuel Kant) bedeutet somit der Sündenfall die Vertreibung aus dem paradiesischen Garten, die Entlassung aus dem Mutterschoße der Natur den "Übergang aus der Rohheit eines bloß thierischen Geschöpfs in die Menschheit, aus dem Gängelwagen des Instincts zur Leitung der Vernunft, mit einem Worte: aus der Vormundschaft der Natur in den Stand der Freiheit". Künftig werde dem Menschen die Mühseligkeit des Lebens zwar öfter den Wunsch nach einem Paradiese, dem Geschöpfe seiner Einbildungskraft, wo er in ruhiger Untätigkeit und beständigem Frieden sein Dasein verträumen oder vertändeln könne, ablocken. "Aber es lagert sich zwischen ihm und jenem eingebildeten Sitze der Wonne die rastlose und zur Entwickelung der in ihn gelegten Fähigkeiten unwiderstehlich treibende Vernunft, und erlaubt es nicht, in den Stand der Rohheit und Einfalt zurück zu kehren, aus dem sie ihn gezogen hatte."
Bei derart optimistischer Interpretation gerät das Projekt Aufklärung, bislang unvollendet, zur größten Landschaftsgestaltungsaufgabe: nämlich aus dieser Welt, unter Anleitung der Vernunft, einen Garten des Menschlichen, ein irdisches Paradies zu machen. Dieses Paradies, bei Karl Marx mit dem Zustand nicht-entfremdeter, von Unterdrückung befreiter, selbstbestimmter Arbeit verbunden, ist eine Option, die das kann nur der demokratische, nicht der ideologische Sozialismus begreifen mit der Melancholie angesichts der Gefahr des Misslingens verbunden ist; lauert doch überall der in die Geborgenheit einbrechende Wolf (und das ist der Mensch selbst, der eben nicht nur Gärtner, sondern mehr noch Krieger ist: homo homini lupus). Der Gärtner jedoch ist somit einer, der "geduldig / im namen der verzweifelten / an der verzweiflung" zweifelt (Hans Magnus Enzensberger); der, an zukünftige Ernten denkend, seinen Apfelbaum pflanzt, also mit antizipatorischer Vernunft ausgestattet ist.
In Goethes "Tasso" erweist sich dessen Nostalgie nach Arkadien als einer Landschaft der friedlichen Glückserfüllung als eine vergebliche, da rückwärts gewandte Utopie, als ein durch Wehmut geprägter Fluchtversuch; Prinzessin Leonore als Verkörperung des ungestüme Leidenschaft in Sittlichkeit sublimierenden Prinzips tritt Tasso entgegen; Arkadien werde gegenwärtig in uns, wenn wir dem Gebot der Sittlichkeit folgen; Nowhere muss immer auch ein Nowhere sein; Ernst Bloch spricht von "präsentischer Utopie".
"Tasso. Die goldne Zeit, wohin ist sie geflohen,
Nach der sich jedes Herz vergebens sehnt?
Da auf der freien Erde Menschen sich
Wie frohe Herden im Genuß verbreiteten;
Da ein uralter Baum auf bunter Wiese
Dem Hirten und der Hirtin Schatten gab,
Ein jüngeres Gebüsch die zarten Zweige
Und sehnsuchtsvolle Liebe traulich schlang;
Wo klar und still auf immer reinem Sande
Der weiche Fluß die Nymphe sanft umfing;
Wo in dem Grase die gescheuchte Schlange
Unschädlich sich verlor, der kühne Faun,
Vom tapfern Jüngling bald bestraft, entfloh;
Wo jeder Vogel in der freien Luft
Und jedes Tier, durch Berg' und Täler schweifend,
Zum Menschen sprach: Erlaubt ist, was gefällt.
Prinzessin. Mein Freund, die goldne Zeit ist wohl vorbei,
Allein die Guten bringen sie zurück.
Und soll ich dir gestehen, wie ich denke:
Die goldne Zeit, womit der Dichter uns
Zu schmeicheln pflegt, die schöne Zeit, sie war,
So scheint es mir, so wenig, als sie ist;
Und war sie je, so war sie nur gewiß,
Wie sie uns immer wieder werden kann.
Noch treffen sich verwandte Herzen an
Und teilen den Genuß der schönen Welt;
Nur in dem Wahlspruch ändert sich, mein Freund,
Ein einzig Wort: Erlaubt ist, was sich ziemt."
Der Gedankensprung von diesem grundsätzliche existentielle Fragen in dichterischen Bildern aufgreifenden Diskurs einerseits der Mensch als ungestümes, geniale Subjektivität für sich in Anspruch nehmendes, bis zur hemmungslosen Ich-Bezogenheit sich steigerndes Wesen, andererseits der Mensch als ein die Notwendigkeit der Unterordnung des freien Willens und zügelloser Phantasie unter die Gebote der Sittlichkeit anerkennendes Wesen , der Gedankensprung von diesem bei Goethe auf die Geschlechterrollen bezogenen anthropologischen Dialektik ("Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte") zu dem konkreten Projekt des neuen "Fürst-Pückler-Landes", der "Landschaftsplanung nach der Kohle", erscheint etwas waghalsig. Aber allen Phänomenen ist Essenz immanent; und um die geht es mir hier. Auch die Internationale Bauausstellung in der Niederlausitz hat ihre Philosophie, ihren generellen, prinzipiellen Hintersinn. Wolfgang Joswig zitiert in einem Artikel zur hiesigen IBM Fürst von Pückler-Muskau mit dem Satz: "Der Spaziergänger soll sich wie in einer Bildergalerie fühlen, die ihn auf den Wegen von Landschaftsbild zu Landschaftsbild führt. Eichen und Linden sind die Rahmen dieser Bilder." Und er transponiert dann (in seinem Artikel) die Imagines, welche dergestalt künstlerisch Landschaftsplanung bestimmen sollten, ins Allgemein-Essentielle: Der Mensch (auch der Lausitzer) wolle nach den Gesetzen der Schönheit das mache das Menschsein aus gestalten; darin artikuliere sich die Sehnsucht nach dem irdischen Paradies. Oder, um den anderen Topos für die Sehnsucht nach Kalokagathie (Schön-Gutheit) zu verwenden: Der Mensch strebe nach einem Arkadien, das in Landschafts-, auch Stadtbildern der Harmonie zum Ausdruck komme. Erlaubt ist, was gefällt, aber nur wenn es "ziemt".
Realistisch, auch pessimistisch betrachtet, ist ein solches "Prinzip Hoffnung" (ich wiederhole: die Welt als Terre des hommes) "Inselphilosophie": Denn inmitten unseres der Schwerkraft ausgelieferten Da- wie Soseins, im Schweiße unseres Angesichts unser Brot aus dem kümmerlichen Ertrag dornen- und distelreicher Äcker essend (heute freilich in Teilen der Welt nur noch metaphorisch richtig), können wir wohl nur Inseln begrenzten Glücks schaffen; aber abgehobene Territorien der Seinsgewissheit sind notwendige Regenerations- und Rekreationszentren, derer wir bedürfen, um dann wieder die Mühen der Ebenen bestehen zu können. Wo auch immer Gärten und Gartenlandschaften ermöglicht werden bzw. entstehen, sind sie Vor-Schein dessen, was den Menschen zum humanen Wesen machen kann. Ob die kümmerlichen Gärten der Favelas, da vor allem Frauen und Kinder in der Pflege eines kleines Fetzen Landes Beruhigung erfahren, ob schmale Blumenkästen, die den Bewohnern der Großstadtwüste ein paar Augenblicke der Freude schenken, ob Bauerngärten oder Schrebergärten, wo das Nützliche mit dem Schönen sich verbindet, ob die Enklaven der Parks, in die sich die Modernitäts-Gehetzten zurückziehen, ob insgesamt einseitiger Profitmaximierung entgegenwirkende Kulturlandschaft überall, so unterschiedlich die Orte auch sein mögen, können wir als Essenz das antreffen, was Friedrich Hölderlin in die behutsamen, heilsamen Verse fasste: "In den Gärten da lebt die Natur geduldig und häuslich / pflegend und wieder gepflegt / mit den fleißigen Menschen zusammen." |