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Michael Borgolte
Rede zur Eröffnung des Themenjahres
2005 "Zwischen Himmel und Hölle - 1000 Jahre Christentum in
Brandenburg" am 13. Mai 2005 in Ziesar
Die Annahme des Christentums
Brandenburgs
Weg in die Gemeinschaft der Völker
Als unser Veranstalter auf einer Pressekonferenz Ende Februar als Thema
für 2005 "Tausend Jahre Christentum in Brandenburg" ankündigte,
war die Verwunderung groß. Eine der führenden Tageszeitungen,
den Belangen von Christentum und Kirche im allgemeinen recht aufgeschlossen,
fragte irritiert: "Was war denn eigentlich 1005?" Weniger historisch
als gegenwartsbezogen grübelten andere, warum sich eine kirchenferne
Bevölkerung für ein solches Angebot überhaupt interessieren
solle? Mit der Auswahl des Themas war, wie die ersten Reaktionen zeigten,
dem "Kulturland Brandenburg" eine beachtliche Provokation gelungen;
ob aber die Anregung auch fruchtbar wird, kann nur näheres Nachdenken
zeigen. Wie verhielt es sich also mit Brandenburg vor tausend Jahren?
Und was bedeutet die Christianisierung der einheimischen Bevölkerung
im hohen Mittelalter für die Geschichte des Landes bis zur Gegenwart,
und zwar in durchaus profaner Betrachtung?
Im Jahr 1005 war das von Slaven bewohnte Land an Havel und Spree ganz
und gar unchristlich. Auf dem Harlungerberg, wo später die Wallfahrtskirche
der heiligen Maria über der Altstadt von Brandenburg thronen sollte,
erhob sich kein Kreuz als Siegeszeichen Christi, sondern das dreiköpfige
Idol des Gottes Triglav. Sein Standort und sein umfassendes Gesichtsfeld
gaben ihn als Stammesgott für die Heveller oder Stodoranen aus; vielleicht
hatte der Künstler auch eine göttliche Trias darstellen wollen,
die sich schon am Vorbild der christlichen Dreifaltigkeit orientierte.
Die Elbslaven um Havelberg verehrten hingegen Jarovit, dem man ähnliche
Eigenschaften wie Triglav zugeschrieben haben mag; auch bei gleichen Göttern
zeigen indessen die besonderen Namen den Bezug auf eine bestimmte Menschengruppe
an. Neben den Stammesgottheiten wurden noch andere Wesen verehrt, teilweise
unpersönlich gedacht und ohne Bezeichnung, aber verborgen in Wald
und Wasser oder gar auf dem angebauten Feld. Pluralität der Götter
und Dämonen und lokale oder regionale Beschränkung des Kultes
gehörten in der slavischen Religiosität eng zusammen. Hier und
da entstanden Tempel, die von Priestern versorgt wurden. So war es den
Redariern gelungen, an ihrem Kultplatz um das Standbild ihres Hochgottes
andere Idole zu vereinen und die Nachbarn, darunter die Vorfahren der
Brandenburger, zu zwingen, ihre Opfergaben darzubringen. Aus der Kultgemeinschaft
hatte sich ein politischer Verband entwickelt, die sogenannten Lutizen,
die auch militärisch in Erscheinung traten.
Mit ihrem fortwährenden Heidentum begannen sich die Slaven zwischen
Elbe und Oder um die Jahrtausendwende von ihrer Umgebung deutlich abzusetzen.
Selbstverständlich waren die Sachsen westlich von ihnen damals längst
Christen, auch wenn Karl der Große einst viele Jahrzehnte gebraucht
hatte, um sie zu unterwerfen und taufen zu lassen. Inzwischen waren sie
so weit akkulturiert, daß sie bereits die Könige des ostfränkischen
oder deutschen Reiches stellen konnten. Bald nach den Sachsen hatten sich
die Böhmen im Süden bekehrt, und gerade zur selben Zeit, dem
von uns gesetzten und historisch nichts bedeutenden Jahr 1005, wandten
sich Polen und Ungarn im Osten dem Christenglauben zu; hier entstanden
sogar Staaten unter königlicher Führung.
Nur die Pommern und die anderen Slaven an der Ostsee verhielten sich wie
die Elbslaven und verharrten in ihren provinziellen Kulten. Das sollte
mehr als ein Jahrhundert so bleiben; erst in den 1120er Jahren nahmen
die Pommern das Christentum an, während die Menschen um Brandenburg
und Havelberg mit ihrer Konversion noch eine weitere Generation warteten.
Nicht die Selbstbehauptung des Heidentums an sich war aber das wirklich
Bemerkenswerte; schließlich haben sich die Litauer noch viel später
taufen lassen, und weiter im Osten, an der Wolga und auf den pontischen
Steppen, scheiterten die christlichen Glaubensboten ganz. Nein, was dem
persistenten Heidentum erst sein Gewicht gab, war seine Verbindung mit
dem Verzicht auf die Monarchie, also auf das erfolgreichste Modell politischer
Ordnung jener Zeit. Die Herrschaft eines Mannes hätte allerdings
kaum zum heidnischen Polytheismus gepaßt, umso mehr aber zum christlichen
Eingottglauben. Niemals aber ist es den Fürsten zwischen Ostsee,
Elbe und Oder gelungen, selbst Könige zu werden und ein Regime zu
etablieren, durch das sie Stämme zu Völkern fügen und Augenhöhe
mit den christlichen Nachbarn erlangen konnten. Im elften Jahrhundert
versäumten die vorchristlichen Bewohner Brandenburgs, was ihren polnischen
und ungarischen Nachbarn glückte: durch Errichtung eines eigenen
christlichen Königtums ein politisches und religiöses Kraftzentrum
auszubilden, dessen nachhaltige Wirkungen bis heute manifest sind.
Natürlich mußte den Slaven östlich der Elbe das Christentum
von außen nahegebracht werden. Einen ersten Versuch hatten im frühen
zehnten Jahrhundert die Ottonen, die Könige aus Sachsen, unternommen.
Otto der Große selbst hatte 948 in Brandenburg und Havelberg Bistümer
eingerichtet und diese als Bestandteile der Reichskirche dem Erzbistum
von Mainz unterstellt. Mit dem Bau von Burgen sollte die ostfränkische
Herrschaft abgesichert werden. Der Ansatz blieb indessen stecken, bevor
die Mission von wenigen Stützpunkten auf die Bevölkerung in
ihren agrarischen Höfen und Siedlungen ausstrahlen konnte. Schon
983 erhob sich der heidnische Bund der Lutizen und riß die Fürsten
des Havellandes mit: Beide Bischofssitze wurden zerstört, aus Brandenburg
konnte der Oberhirte Folkmar gerade noch fliehen, während die übrigen
Priester in Gefangenschaft gerieten: "Alle Kostbarkeiten der Kirche
wurden geraubt und das Blut Vieler elendiglich vergossen", will ein
späterer Chronist wissen, um anzufügen: "und nicht nur
Heiden, sondern auch Christen lobten diese traurige Wendung!"
Der Rückfall ins Heidentum wäre für Brandenburg weniger
verhängnisvoll gewesen, wenn das Land und seine Bewohner danach noch
einmal Gelegenheit erhalten hätten, als Bestandteil des großen
ostfränkischen Reiches in der Hinordnung auf den König zu gedeihen.
Dem war aber nicht so. Die Herrscher selbst, die Ottonen und ihre Nachfolger,
fanden nie mehr die Kraft zu einem zweiten Versuch transelbischer Expansion
mit der Verbreitung ihres Glaubens. Wie die Karolinger vor ihnen an der
Aufgabe gescheitert waren, die Dänen und übrigen Skandinavier
ihrem Bereich im Norden einzubeziehen, so waren sie damit überfordert,
die Slaven politisch zu integrieren und religiös zu assimilieren.
Die Reiche waren einfach schon zu groß, zumal die zusätzliche
Würde des Kaisertums die Präsenz der Herrscher auch in Italien
erforderte.
Hundertfünfzig Jahre neues Heidentum bedeutete aber vor allem, daß
die Heveller oder auch Wenden an den bedeutenden religiösen und geistigen
Entwicklungen der Zeit keinen Anteil nehmen konnten. Niemals vor dem elften
und frühen zwölften Jahrhundert war nämlich die westliche
Christenheit mental in so starke Bewegung geraten. Der Wille, die Kirche
zu reformieren, fand weit über Klostermauern und Klerikerstand hinaus
Resonanz bei den Laien, so daß man für die Christen im Reich
und erst recht für ihre westlichen Nachbarn von einer zweiten, inneren
Mission sprechen kann. Im Streit mit dem deutschen König konnte sich
gleichzeitig das Papsttum in Rom mit der übrigen Hierarchie so weit
von der Dominanz weltlicher Herrscher befreien, daß "Kirche"
und "Staat" in weltgeschichtlich singulärer Weise auseinanderzutreten
begannen. Das Spannungsverhältnis beider Universalgewalten war aber
erst die Voraussetzung für die Freiheit des einzelnen, die den christlichen
Okzident signifikant von allen anderen Kulturen Europas unterscheidet,
darunter von der orthodoxen Christenheit mit dem Kaiser von Byzanz an
ihrer Spitze. Es ermöglichte ein rationales Denken, ja eine Entdeckung
der eigenen Subjektivität, die im Mittelalter zuvor unbekannt gewesen
waren. Um 1080/84 huldigte beispielsweise ein laikaler Autor der Vernunft
als Führerin des Menschengeschlechtes und empfahl sich selbst ihrer
Inspiration wie christliche Autoren sonst nur dem Heiligen Geist. Und
derselbe Schriftsteller, ein Rechtsgelehrter, war sich, was noch erstaunlicher
ist, des epochalen Bruches durchaus bewußt - sprach er doch davon,
daß das Zeitalter einen neuen Menschentyp hervorgebracht habe. An
der aufblühenden intellektuellen Szene im christlichen Abendland
hatten selbst Sachsen ihren Anteil - aber ihren slavischen Nachbarn im
Osten, befangen im Kult der Jarovit und Triglav, sollte nicht anderes
übrigbleiben, als später nachzuvollziehen und zu lernen, was
die Christen vorgedacht und schon praktiziert hatten.
Ganz abgerissen waren die Kontakte zwischen Heiden und Christen in der
Zwischenzeit allerdings nicht; vor allem Raubzüge hinüber und
herrüber, manchmal und eher später auch Versuche, sich im Feindesland
festzusetzen, sorgten für Begegnungen und in begrenztem Maße
gewiß auch für kulturellen Austausch. Die Christen wahrten
ihre Ansprüche durch die regelmäßige Berufung von Bischöfen
für Havelberg und Brandenburg, die freilich im Exil residierten und
ihren ordinierten Amtsbrüdern im ostfränkisch-deutschen Reich
mit Gelegenheitsarbeiten zu Hilfe kamen. Am Beginn des zwölften Jahrhunderts
nahmen die Bemühungen um eine Restauration zu. Im Jahr 1108 wollten
die Bischöfe von Havelberg und Brandenburg geradezu einen Kriegszug
zur Unterwerfung der Heiden ins Werk setzen. In einem Aufruf zur Unterstützung
durch den Adel im übrigen Reich trugen sie bei Schilderung der Zustände
dick auf: Die Heiden brächen wieder und wieder ins Christenland ein,
entweihten Kirchen und Altäre, machten Beute und töteten Menschen,
um die Köpfe der Märtyrer ihrem Gott Pripegal zu opfern. Offenkundig
hatten die Bedrängten mit ihrem Appell keinen Erfolg. Der Oberhirte
von Brandenburg beseitigte aber kurz darauf zahlreiche Götzenbilder
und wagte sich mit dem Bau einer Kirche in Leitzkau ins Gebiet der Ungetauften
vor.
Etwa zur gleichen Zeit zog sich der Gürtel des Christentums um die
Heveller weiter zusammen, da die polnischen Fürsten an der Oder das
Bistum Lebus gründeten und einem fränkischen Bischof im Nordosten
die Bekehrung der Pommern gelungen war. Den Durchbruch bei der Christianisierung
Brandenburgs bewirkte um die Jahrhundertmitte allerdings nicht mehr das
Königtum, wie es im frühen Mittelalter hätte der Fall sein
sollen. Vielmehr waren dafür regionale Gewalten verantwortlich, die
ihre fürstlichen Herrschaften von Sachsen nach Osten erweitern oder
dort neue Schwerpunkte bilden wollten. Der Markgraf Albrecht der Bär
ebnete auch dem Bischof von Havelberg (1144) und dann dessen Amtsbruder
von Brandenburg (1157/61) den Rückweg auf ihre lange verwaisten Sitze.
Die christliche Durchdringung des Landes war zugleich Teil eines großen
Kolonisationsprozesses, durch den zahlreiche deutsche Siedler ins Slavenland
kamen und hier heimisch wurden. Die provinzielle Enge, die der Christianisierung
Brandenburgs durch ihre Ausgangsbedingungen im zwölften Jahrhundert
eingeschrieben wurde, sollte freilich das Land wie eine Signatur auf lange
Sicht prägen.
Muß man deshalb die Spanne des Heidentums von 983 bis 1144 beklagen?
Derlei Urteile stehen dem Historiker nicht zu, der Geschichte verstehen,
erklären und darstellen, aber weder verwerfen noch loben soll. Unlängst
ist in der Geschichtswissenschaft überdies der Versuch unternommen
worden, die Gesellschaft der Elbslaven neu zu würdigen und ihren
eigenen Wert im Kontrast zum europäischen Mainstream herauszuarbeiten.
Dabei ging es vornehmlich um den Kult und die politische Ordnung der Lutizen,
die die erste christliche Organisation des Heidenlandes vernichtet hatten.
Was die religiöse Seite betrifft, so konstatierte der Autor zurecht
die offenkundige Nachahmung christlicher Frömmigkeitsformen, ausgedrückt
etwa im zentralen Tempel mit seinen Priestern oder durch die Abbildung
bestimmter Götter als Schutzpatrone, die so auch bei Kriegszügen
wie auf kirchlichen Prozessionen mitgeführt werden konnten. Die christliche
Körperbestattung scheinen die Lutizen ebenfalls von den Christen
übernommen zu haben. Im Gegensatz dazu habe sich die Art der politischen
Führung anscheinend stark von den benachbarten Monarchien unterschieden.
Die Lutizen als Stammesbund waren ja genossenschaftlich organisiert und
kamen ohne fürstliche Führung aus. Man spricht von einer Gesellschaft
"ohne Staat". Die Tatsache, daß aus den drei monarchisch
verfaßten Reichen des "jungen Europas" im Osten die bis
heute identifizierbaren Staaten Böhmen, Polen und Ungarn hervorgegangen
sind, während die heidnischen Ordnungen spurlos verschwanden, könnte
dafür sprechen, daß die Lutizen eben den falschen Weg eingeschlagen
hatten. Dem widerspricht man freilich mit dem Argument, daß sich
die Leistungsfähigkeit der nicht zentral oder hierarchisch, sondern
segmentär organisierten Gesellschaft des Slavenbundes im erfolgreichen
Aufbegehren gegen die mächtigen Ottonen und in der Dynamik und Wandlungsfähigkeit
ihrer Ordnung erwiesen habe.
Vieles an diesen Beobachtungen ist anregend und nützlich. Ihr besonderer
Wert besteht in der Erinnerung daran, daß es in der Geschichte selten
nur einen einzigen Weg für das gelingende Leben von Menschen und
Gesellschaften gibt, auch wenn die einen erfolgreicher werden als andere.
Insbesondere an den geographischen Rändern Europas haben sich über
Jahrhunderte Formen politischer Herrschaft, religiösen Glaubens und
kultureller Eigenarten gehalten, die vom Gewohnten abwichen und dem Dominanten
widerstrebten. Vergessen wir beispielsweise nicht, daß unser Kontinent
nie gänzlich christlich werden konnte und seit dem achten Jahrhundert
an seinen verschiedenen Flanken bedeutende muslimische Staatswesen bestanden.
Das heidnische Brandenburg lag freilich in der Mitte Europas und zugleich
in unmittelbarer Nachbarschaft des mächtigsten unter den lateinischen
Reichen der Christenheit. Die gesellschaftliche Ordnung, die hier für
den Fortbestand des Heidentums nötig war, wird beschrieben als eine
"scharfe Ablehnung kultureller Assimilation, was sich im Extremfall
zu grausamen Opferritualen gegen die Repräsentanten des Christentums
zeigte." Im Unterschied zu den nach außen offenen Fürstenstaaten
hätten sich die Lutizen so auf sich selbst konzentriert, daß
sie sich aggressiv gegen die anderen als die "Fremden" und "Feinde"
wandten.
Mit dieser Exklusivität und Abschottung war es vorbei, als die slavischen
Vorfahren der Brandenburger Christen wurden. Denn mit dem Bekenntnis zu
dem einen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat und überall als
der eine und einzige verehrt wurde, traten sie in eine universale Gemeinschaft
ein. Ihr mußten sie sich öffnen, sie erschloß ihnen aber
auch selbst buchstäblich die ganze Welt. Welche Dynamik im Christenglauben
angelegt war, kann man durch den Vergleich mit dem Islam ermessen. Muslime
durften sich nämlich im Prinzip nur im "Haus des Islam",
also unter Ihresgleichen, niederlassen und hatten das "Haus des Krieges"
- die Länder der ungläubigen Christen, Juden und Heiden also
- soweit als möglich zu meiden. Den Christen hatte hingegen schon
ihr Stifter den Auftrag gegeben, seine Frohe Botschaft schlechthin allen
Völkern zu verkünden, also gerade auch in die Fremde zu ziehen.
Die Universalität schloß im Christentum die Zugehörigkeit
zur je besonderen Lebensgemeinschaft in Siedlungen, Stämmen und Reichen
nicht aus. Der sogenannte Investiturstreit hatte sichergestellt, daß
unter dem weiten Dach der römischen Kirche, die je länger je
mehr die Universalität repräsentierte, jedes katholisch geprägte
Staatswesen seinen Platz finden konnte.
Brandenburg ließ mit seiner Konversion zum römischen Christentum
die heidnische Selbstisolation hinter sich und trat in die Gemeinschaft
der Völker ein. Als eindrucksvollste Zeugnisse der neuen Kultur stehen
noch heute im ostelbischen Raum zahlreiche Kirchbauten, vornehmlich errichtet
im dreizehnten Jahrhundert unter Verwendung behauener Feldsteine. "Kulturland
Brandenburg" will gerade mit diesen Sakralstätten im laufenden
Jahr an die prägende Rolle der Kirche für die Region erinnern.
Man darf freilich nicht verschweigen, daß die Gotteshäuser,
angeblich bestimmt für "Dauerhaftigkeit", auch Zeichen
für Genügsamkeit und Stagnation sein konnten. Haben nicht, wo
die Gemeinden wuchsen und ihr Reichtum zunahm, die älteren Gebäude
längst größeren Kirchen moderneren Stils weichen müssen?
Trotz des Augenscheins muß aus historischer Sicht ebenso gefragt
werden, ob die Geschichte des Landes nicht über die Konversion hinaus
durch die lange Zeit des Heidentums mit einem problematischen Erbe belastet
wurde. Jedenfalls brauchten die Bewohner im religiösen Leben, auch
wenn sich die eingesessenen Slaven mit den zugewanderten Christen vermischten,
viele Generationen, bis sie die Retardation der Lutizenzeit aufholten.
Erst in der Epoche der Reformation traten die Christen des Landes wohl
aus der Phase der Nachahmung heraus und mit bedeutenden Persönlichkeiten
in größerer Zahl hervor, die Originelles zum Geistesleben beizutragen
hatten. So betrachtet stellt die mittelalterliche Geschichte Brandenburgs
an jede nachlebende Generation eine besondere Anforderung: die eigenen
Gestaltungschancen nicht vorübergehen zu lassen, wenn sie sich ergeben.
Anschrift des Autors:
Prof. Dr. Michael Borgolte
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für vergleichende Geschichte Europas im Mittelalter
Unter den Linden 6
10099 Berlin
Email: BorgolteM@geschichte.hu-berlin.de
Literaturhinweise
Gustav Abb/Gottfried Wentz/Fritz Bünger, Das Bistum Brandenburg,
2 Teile, Berlin 1929/1941
Clemens Bergstedt/Heinz-Dieter Heimann(Hgg.), Wege in die Himmelsstadt.
Bischof, Glaube, Herrschaft 800-1500, Berlin 2005
Michael Borgolte, Christen, Juden, Muselmanen. Die Erben der Antike und
der Aufstieg des Abendlandes, 300 bis 1400 n. Chr., erscheint München
2006
Michael Borgolte, Europa entdeckt seine Vielfalt 1050-1250, Stuttgart
2002
Gerd Heinrich(Hg.), Tausend Jahre Kirche in Berlin-Brandenburg, Berlin
1999
Christian Lübke, Das östliche Europa, München 2004
Christian Lübke, Zwischen Polen und dem Reich. Elbslawen und Gentilreligion,
in: Polen und Deutschland vor 1000 Jahren. Die Berliner Tagung über
den "Akt von Gnesen", hg. v. Michael Borgolte, Berlin 2002,
S. 91-110
Ingo Materna/Wolfgang Ribbe(Hgg.), Brandenburgische Geschichte, Berlin
1995
Winfried Schich, Die "Christianisierung" der Kulturlandschaft
zwischen Elbe und Oder im 12. und 13. Jahrhundert, in: Siedlungsforschung.
Archäologie - Geschichte - Geographie, Bd. 20, 2002, S. 94-116
Winfried Schich, Die ostelbische Kulturlandschaft des 10. und 12. Jahrhunderts
im Vergleich, in: Polen und Deutschland vor 1000 Jahren. Die Berliner
Tagung über den "Akt von Gnesen", hg. v. Michael Borgolte,
Berlin 2002, S. 61-89
Winfried Schich, Slawen und Deutsche an Havel und Spree. Zu den Anfängen
der Mark Brandenburg, Hannover 1997
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